Umsetzung der 1325: Eine Frau macht noch keine Frauen
Cora Weiss

Es ist 20 Jahre her und inzwischen sind “1325” vielleicht die bekanntesten Zahlen unter den Tausenden von UN-Resolutionen.

    Alles begann, als Sanam Anderlini, eine junge Frau, die bei ‚International Alert‘ in London arbeitete, im Mai 1999 zum Haager ‚Appell für den Frieden‘ kam. Eine informelle Gruppe von Frauen traf sich, um über Frauen und Frieden zu sprechen, und Sanam schlug vor, dass wir Einen Entwurf an den Sicherheitsrat schicken sollten, der zuvor eine Resolution zu Kindern verabschiedet hatte. Bei einem Folgetreffen im Juni 2000 trafen sich eine Handvoll von uns bei UNIFEM, die inzwischen UN-WOMEN heißt, und entwarfen die Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen.

    Die vor 20 Jahren verabschiedete Resolution 1325 des VN-Sicherheitsrates über Frauen, Frieden und Sicherheit wurde in über 60 Sprachen übersetzt und ist wahrscheinlich die bekannteste Resolution des UN-Gremiums, das für die „Wahrung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit“ zuständig ist. Warum? Weil wir sie  nicht in Vergessenheit geraten lassen. Weil wir jedes Jahr feiern und Bilanz ziehen, wo wir sind und wo wir sein müssten. Ein Beispiel: von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen sind 52 durch Botschafterinnen vertreten. Es hat 75 Jahre gedauert, um diese Zahlen zu erreichen.

     In Artikel 25 der UN-Charta heißt es: „Die Mitglieder der Vereinten Nationen erklären sich damit einverstanden, die Entscheidungen des Sicherheitsrates gemäß dieser Charta zu akzeptieren und auszuführen.“ Das macht 1325 zu internationalem Recht; alle Mitgliedstaaten sind gesetzlich verpflichtet, dies umzusetzen. Das gibt uns Frauen der Zivilgesellschaft und hoffentlich auch Männern das Recht, die drei Ps umzusetzen: (participation, prevention protection) Beteiligung von Frauen auf allen Entscheidungsebenen, Verhinderung gewaltsamer Konflikte und Schutz von Frauen und Mädchen während gewaltsamer Konflikte. Ich möchte zum jetzigen Zeitpunkt in der Geschichte sagen, dass wir nicht nur das Recht darauf haben, sondern auch die Pflicht dazu.

    Aber sind die Frauen bereit, gewaltsame Konflikte zu verhindern? Wird man sicherstellen, dass Frauen generell, nicht nur eine Frau, an Friedenstischen und Entscheidungen teilnehmen werden? Bilden wir Frauen auf der ganzen Welt darin aus, die Forderungen von 1325 auf die lokale Regierungsebene, die staatliche Ebene und nicht nur in kriegführenden Nationen, sondern in jeder Nation anzuwenden?

    Ich würde gerne sehen, dass Schulen, die die Verfassung und andere Gesetze und Richtlinien ihres Landes lehren, 1325 in ihren Lehrplan aufnehmen. Ich würde gerne sehen, wie sie die Studenten fragen, wie dies in ihren Ländern und Gemeinden umgesetzt werden kann und sollte.

     Schüler und Studenten aller Bildungsstufen sollten lernen, wie diese Entschließung zustande kam – dass es Frauen der Zivilgesellschaft waren, die sich 1999 in Den Haag trafen und die Idee vorschlugen; dass Frauen der Zivilgesellschaft mit Frauen von UNIFEM am Tisch saßen, um die Resolution zu entwerfen; dass Frauen der Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates sich für ihre Annahme einsetzen.

   Frauen haben heute das Wahlrecht, aber nicht das Recht auf gleiches Entgelt für gleiche Arbeit. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bevor wir nicht als eine Frau, sondern als Frauen an den Tischen sitzen, an denen Entscheidungen über Krieg und Frieden getroffen werden. Eine Frau macht noch keine Frauen. Um 1325 umzusetzen, müssen wir Mediation und andere Formen der Prävention gewaltsamer Konflikte lehren.

    Wir müssen auch über die Alibipolitik hinausgehen und uns dazu verpflichten, Frauen in all ihrer Vielfalt zu vertreten. Wenn ich so sagen darf, braucht es mehr als Eierstöcke, um eine friedens- und gerechtigkeitsbewusste Frau zu sein. Es braucht Frauen, denen es wichtig ist, Frieden und Gerechtigkeit in ihr Land und in ihr Volk zu bringen. Frauen, die sich um die Umwelt und die Zukunft des Planeten kümmern; Frauen, die Maßnahmen ergreifen, um die existenziellen Bedrohungen der „apokalyptischen Zwillinge“ zu verhindern: Atomwaffen und Klimawandel. Die vollständige Umsetzung von 1325 wird dazu beitragen, die Ungleichheit in der Welt zu verringern, die Frauen ärmer hält und sie anfälliger für Krankheiten und weniger gebildet macht. Wir müssen Regierungen auf allen Ebenen davon überzeugen, sich für die Beseitigung aller Formen von Ungleichheit in der Welt einzusetzen: Geschlecht, Wirtschaft, Rasse, Religion und alle anderen. Die Herausforderungen können in allen Formen von Kultur- und Bildungssystemen bewältigt werden.

    1325 ist eine großartige Basis. Es kann auf nahezu jede Situation oder jedes Problem angewendet werden und hilft, sie so zu verstehen und zu lösen, dass die Komplexität der Geschlechterrollen und -normen berücksichtigt wird, die zu einem dauerhaften Frieden beitragen. Aber es muss wachsen, wenn sich die Bedingungen entwickeln, also werden wir es lehren, die Menschen ermutigen, Vorschläge zur Umsetzung zu machen, und, wenn es möglich ist, sicherzustellen, dass es in den Verfassungen der Staaten respektiert wird.

   1325 ist eine universelle Resolution. Sie wurde ins Hebräische und Arabische übersetzt. Sie sollte verfügbar sein, um in israelischen und palästinensischen Schulen und Gemeinden gelesen und diskutiert zu werden.

 

Cora Weiss

Vertreterin des Internationalen Friedensbüros bei den Vereinten Nationen

Cora Weiss ist die Vertreterin des Internationalen Friedensbüros bei den Vereinten Nationen und Mitglied des Internationalen Beirats des Globalen Netzwerks weiblicher Friedensstifter (GNWP). Sie war eine der ursprünglichen Verfasserinnen von 1325 und ist Präsidentin des ‚The Hague Appeal for Peace‘

Palästinensische Journalistin

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